Brasiliens Nationalmannschaft steht vor einer der größten Herausforderungen ihrer jüngeren Geschichte: Droht Superstar Neymar tatsächlich die zweite aufeinanderfolgende Weltmeisterschaft zu verpassen? Die Sorgen um den 33-Jährigen spitzen sich zu, während das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko näher rückt – und die deutsche Sportpresse beobachtet die Entwicklung mit wachsender Besorgnis.
Wie die spanische Marca berichtet, hat sich Neymar zwar von seinem Kreuzbandriss aus dem Oktober 2023 erholt und trainiert wieder mit Al-Hilal in Saudi-Arabien. Doch die Worte von Nationaltrainer Dorival Júnior lassen aufhorchen: Eine endgültige Entscheidung über seine Teilnahme soll erst kurz vor dem Turnierbeginn fallen. „Wir werden die medizinischen Berichte abwarten und dann gemeinsam entscheiden”, erklärte der 62-Jährige. Diese vorsichtige Haltung steht im krassen Gegensatz zu den optimistischen Prognosen, die Neymars Umfeld in den vergangenen Monaten verbreitet hatte.
Die Statistiken untermauern, wie gravierend ein Ausfall wäre. Neymar hat 79 Tore für die Seleção erzielt und hält damit den Rekord als torgefährlichster Spieler in der Geschichte der brasilianischen Nationalmannschaft. Allein bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar steuerte er drei Treffer bei, bevor eine verdrehte Knöchelverletzung im Achtelfinale gegen Kroatien sein Turnier vorzeitig beendete. Mit diesem dritten WM-Tor im Trikot Brasiliens überholte er Legende Pelé (77 Treffer) und schrieb Fußball-Geschichte.
Kicker und Sport Bild haben in den vergangenen Wochen mehrfach über Neymars Fitnesszustand berichtet und die Parallelen zu seiner Situation vor zwei Jahren gezogen. Damals fehlte er Brasilien beim historischen Viertelfinal-Aus gegen Kroatien, das für einige brasilianische Medien sogar eine trainerische Fehlentscheidung von Tite darstellte. Die Seleção verlor im Elfmeterschießen und beendete das Turnier enttäuscht. Diesmal soll alles anders werden – doch die Verletzungsanfälligkeit des Ausnahmekönners macht allen Beteiligten Sorgen.
In Deutschland sorgt man sich derweil um eigene Akteure. Der FC Bayern München etwa hat mit Raphael Guerreiro einen brasilianischen Nationalspieler im Kader, der ebenfalls unter den Folgen einer langen Verletzungspause litt. Guerreiro absolvierte im Herbst 2023 ein individuelles Aufbautraining, nachdem ihn muskuläre Probleme wochenlang außer Gefecht gesetzt hatten. Die Erfahrungen aus München zeigen, wie schwierig der_return nach schweren Verletzungen im Hochleistungssport ist – und wie sehr selbst erfahrene Profis mit Rückschlägen kämpfen.
Neymars Verletzungshistorie ist beeindruckend – und beunruhigend zugleich. Seit seinem Wechsel nach Saudi-Arabien zu Al-Hilal im Sommer 2023 hat der Offensiv-Star nur elf Pflichtspiele bestritten. Der Kreuzbandriss war lediglich der Höhepunkt einer langen Leidensgeschichte. Knöchelverletzungen, Muskelbündelrisse und wiederholte Fitnesseinbußen haben seine Karriere in den letzten Jahren geprägt. Laut einer Erhebung des Kicker verpasste Neymar zwischen 2018 und 2024 insgesamt über 100 Pflichtspiele aufgrund von Verletzungen – eine Zahl, die für sich spricht und die Frage aufwirft, ob der Körper des Ausnahmekönners den Belastungen einer WM-Endrunde noch gewachsen wäre.
Brasiliens Verband CBF hat offiziell keinen Alternativplan kommuniziert, doch laut Informationen von Globoesporte werden mehrere Optionen diskutiert. Junge Talente wie Endrick (mittlerweile bei Real Madrid) und das vielversprechende Mittelfeldtalent Andrew aus der Corinthians-Akademie könnten in die Bresche springen. Trainer Dorival Júnior betont jedoch, dass kein Spieler Neymars kreative Qualitäten vollständig ersetzen könne. „Er ist ein Spieler, der Spiele alleine entscheiden kann. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder gesehen”, sagte der Coach.
Die historische Dimension darf nicht unterschätzt werden. Brasilien hat seit 2002 nur einmal – 2014 im eigenen Land – die Gruppenphase überstanden, ohne mindestens ins Halbfinale vorzudringen. Neymar war bei den Triumphen 2002 als Dreijähriger noch nicht einmal geboren, doch er repräsentiert seit über einem Jahrzehnt das Gesicht dieser Seleção-Generation. Sein möglicher Ausfall würde nicht nur sportlich, sondern auch emotional eine Lücke reißen, die schwer zu füllen wäre.
Für die Buchmacher hat sich die Situation bereits bemerkbar gemacht. Die Quoten für einen brasilianischen WM-Titel sind seit Bekanntwerden der Verletzungssorgen gestiegen – ein klares Zeichen dafür, dass die internationale Fachwelt die Selecao ohne ihren Superstar deutlich schwächer einschätzt. Während Brasilien bei einer Teilnahme Neymars als einer der Titelfavoriten gehandelt wird, rücken ohne ihn Nationen wie Argentinien, Frankreich oder auch England in der Wahrnehmung näher an die Südamerikaner heran.
Die entscheidende Frage wird sein, ob Neymar die nötige Spielpraxis sammeln kann, bevor im Juni 2026 der WM-Startschuss fällt. Sollte er rechtzeitig fit werden und sein Niveau finden, bleibt Brasilien gefährlich. Gelingt dies nicht, könnte die Seleção vor einem der bittersten Turniere ihrer ruhmreichen Geschichte stehen. Die Fußballwelt wartet – und mit ihr Millionen brasilianischer Fans, die auf eine positive Nachricht hoffen.