Die türkische Fußballnationalmannschaft hat bei der FIFA Weltmeisterschaft 2026 eine bittere Lehre erteilt bekommen. Das 0:1 gegen Paraguay besiegelte nicht nur das vorzeitige Aus in der Gruppenphase, sondern löste auch eine Welle der Trauer und Kritik aus, die weit über die Landesgrenzen hinausging. Was besonders schmerzte: Der Gegner aus Paraguay spielte nach der Roten Karte gegen Miguel Almirón große Teile der Partie in Unterzahl – und die Milli Takım konnte diese numerische Überlegenheit nicht in Tore ummünzen.
Die Szenen nach dem Schlusspfiff sprachen Bände. Auf dem Rasen kollabierten die Spieler regelrecht unter der Last des Versagens. Tränen flossen reichlich, Kameras hielten jeden Moment der Verzweiflung fest. Torhüter Uğurcan Çakır ergriff sofort das Wort und richtete sich mit einer emotionalen Entschuldigung an die Nation: „Ich bitte unser Land um Verzeihung.“ Diese Worte wurden in den sozialen Medien tausendfach geteilt und sorgten auch in Deutschland für Diskussionsstoff.
Der erfahrene Mittelfeldmotor Hakan Çalhanoğlu, der seit Jahren in der Serie A bei Inter Mailand Akzente setzt und dort zu den bestbezahlten Spielern gehört, fand kaum Worte für das Geschehene. Seine kurze, aber treffende Aussage lautete schlicht: „Der Mensch kann es einfach nicht akzeptieren!“ Für Çalhanoğlu, der bei der WM als Kapitän auftrat, war es ein Schlag ins Gesicht – schließlich hatte er persönlich 2023 bei Inter die Champions League gewonnen und zählt zu den bestbezahltesten Spielern der Welt mit einem geschätzten Jahresgehalt von rund 8,5 Millionen Euro.
Noch drastischer formulierte es Jungstar Arda Güler, der nach seinem Wechsel zu Real Madrid ebenfalls unter Druck steht. Mit gesenktem Blick sagte der 19-Jährige: „Wir empfinden Scham.“ Diese Selbsteinschätzung eines Spielers, der als eines der größten Talente des Landes gilt, zeigt, wie tief die Wunde sitzt. Güler kam bei Real in dieser Saison auf lediglich 890 Spielminuten – wenig Spielpraxis, die sich in der WM-Vorbereitung rächte.
In der deutschen Sportpresse sorgte das Türkei-Desaster für Schlagzeilen. Der Kicker titelte mit „Türkei enttäuscht auf ganzer Linie“ und analysierte detailliert die taktischen Fehler von Vincenzo Montella. Sport Bild verglich die Leistung mit einem „Schiff ohne Kapitän“ und kritisierte die fehlende Spielidee. Selbst die Boulevardzeitung BILD widmete dem Thema enorme Aufmerksamkeit und zitierte Anonymous-Quellen aus dem türkischen Verband, die von internen Spannungen zwischen Trainer und Spielern berichteten.
Der ehemalige Nationaltrainer Senol Güneş, der die Türkei 2002 bei der WM bis ins Halbfinale führte, meldete sich via Twitter zu Wort und sprach von einer „generellen Krise im türkischen Fußball“, die über den aktuellen Trainer hinausreiche. Diese historische Einordnung ist wichtig: Die Türkei hat seit jener WM 2002, als man unter Rıza Çalımbay ein dramatisches Halbfinale gegen Brasilien verlor, nie wieder die Vorrunde überstanden – ein erschreckendes Zeugnis für eine Nation mit über 84 Millionen Einwohnern und einer passionierten Fußballkultur.
Die Kritik am italienischen Trainer Montella wird meanwhile immer lauter. Der frühere Schiedsrichter und TV-Experte Ahmet Çakar verlor jede Contenance und forderte bei A Spor unmissverständlich: „Montella muss im ersten Flugzeug nach Hause geschickt werden!“ Der Sendekommentator Ender Bilgin analysierte die Situation differenzierter und beschrieb den Trainer als zerrissen zwischen kühler Berechnung und aufwallenden Emotionen. Montella selbst räumte ein: „Ich empfinde eine enorme Enttäuschung“ – eine Aussage, die kaum als Stimmungsaufheller taugt.
Der frühere Topstürmer Tuncay Şanlı versuchte unterdessen, die Wogen zu glätten. Bei einem Auftritt in Bodrum rief der 51-Jährige die Fans auf, trotz allem hinter dem Team zu stehen: „Wir dürfen sie jetzt nicht allein lassen.“ Doch die Worte verpufften angesichts der trillionenschweren Erwartungen, die der türkische Fußballverband TFF geweckt hatte. Im Vorfeld der WM waren hohe Ziele ausgegeben worden – nun steht man mit leeren Händen da.
Aus deutscher Perspektive ist das türkische Scheitern auch deshalb bemerkenswert, weil Bundesligaclubs regelmäßig auf türkische Nationalspieler setzen. In der aktuellen Saison stehen Spieler wie Nuri Şahin (vereinslos), Mehmet Topal (Antalyaspor) oder Emeric Topcu (vereinslos) zwar nicht in Deutschland unter Vertrag, doch die Bundesliga war stets ein Magnet für türkische Talente. Spieler wie Hamit Altıntop (ehemals Bayern München), Nuri Şahin (Borussia Dortmund) oder Mesut Özil (Real Madrid, Arsenal, Fenerbahçe) zeigten, welches Potenzial in türkischen Spielern steckt – ein Potenzial, das bei dieser WM kaum abgerufen wurde.
Die Folgen dieses Desasters werden weitreichend sein. Schon jetzt wird spekuliert, dass Montella seinen Posten räumen muss und der Verband eine komplette Strukturreform einleiten wird. Die Qualifikation für die EM 2028 muss nun als neues Ziel herhalten, doch bis dahin wird das Trauma von Paraguay die türkische Fußballseele noch lange belasten.