Schottlands Nationaltrainerin Pedro Martínez Losa steht nach der umstrittenen 1:0-Niederlage gegen Marokko bei der Frauen-Weltmeisterschaft 2023 in Boston vor einer heiklen Situation. Der Weltverband FIFA prüft derzeit offiziell die von der schottischen Delegation eingereichte Beschwerde bezüglich dreier höchst fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen, die den Ausgang der Partie in der Group-C-Begegnung möglicherweise beeinflusst haben.
Die Hauptstadt Glasgow reagierte mit Empörung auf die Geschehnisse im Gillette Stadium, wo über 20.000 Zuschauer – darunter zahlreiche schottische Fans – Zeugen einer Begegnung wurden, die reichlich Gesprächsstoff für die Nachbetrachtung liefert. Der schottische Verband SFA hat nach Informationen der Nachrichtenagentur Press Association eine formelle Überprüfung beantragt und arbeitet dabei eng mit der FIFA-Zentrale zusammen.
Die erste strittige Szene ereignete sich in der 23. Spielminute, als Stürmerin Erin Cuthbert im marokkanischen Strafraum zu Fall kam. Die 25-jährige Spielerin des FC Chelsea, die in der vergangenen Saison zwölf Tore in der Women’s Super League erzielte, wurde evident vom Fuß ihrer Gegenspielerin touchiert – doch Schiedsrichterin Cheryl Edwards aus den USA ließ weiterspielen. Der VAR verzichtete auf ein Eingreifen, obwohl die Wiederholung eine klare Berührung zeigte.
Noch brisanter gestaltete sich die Szene kurz vor der Halbzeitpause. Abwehrspielerin Rachel McLoughlin wurde nach einem Zweikampf im eigenen Strafraum zu Boden gerissen. Der Ball befand sich dabei in unmittelbarer Nähe zur Torlinie, was einen Strafstoß für Schottland hätte bedeuten müssen. Wieder blieb die Pfeife der Unparteiischen stumm.
Der dritte Vorfall betraf eine vermeintliche Rote Karte gegen die marokkanische Mittelfeldspielerin Ghizlane Chebbak. Die 32-Jährige, die bei Zamalek in Ägypten unter Vertrag steht, soll in der 67. Minute ihre Gegenspielerin mit einem rüden Einsteigen von hinten gefoult haben – ein Vergehen, das nach den Regularien mit einem Platzverweis hätte geahndet werden müssen. Edwards zeigte lediglich die Gelbe Karte.
„Wir haben drei klare Situationen identifiziert, in denen die Entscheidungen nicht den Tatsachen entsprachen“, erklärte ein SFA-Sprecher gegenüber dem schottischen Rundfunk BBC Scotland. Die Aussagen decken sich mit den Beobachtungen unabhängiger Schiedsrichter-Experten, die unisono einheitliche Fehlentscheidungen diagnostizierten.
Die deutsche Sportsendung Sportschau und das Fachmagazin Kicker widmeten dem Vorfall ausführliche Berichterstattung und kritisierten die Leistung der US-Amerikanerin Edwards als „inakzeptabel auf höchstem Niveau“. Besonders bemerkenswert: Unter den 64 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern des Turniers befinden sich auch zwei Deutsche – Bastian Dankert und Sören Storks – was die Diskussion um die Qualität der Spielleitung zusätzlich befeuert.
Marokko sicherte sich durch den historischen ersten WM-Sieg den dritten Gruppenplatz und hält damit die theoretische Chance auf ein Weiterkommen offen. Für Schottland bedeutet die Niederlage – die erste WM-Niederlage seit dem 1:2 gegen England im Achtelfinale 2019 – hingegen, dass das Team nunmehr unter erheblichem Druck steht.
Die Mannschaft von Martínez Losa benötigt in den verbleibenden Gruppenspielen gegen Costa Rica und Rekordeuropameister Spanien dringend Punkte, um die K.o.-Runde zu erreichen. Nach dem 2:1-Auftaktsieg gegen die Republik Irland hatten die Schotten noch auf Kurs gelegen.
Historisch betrachtet ist Schottlands Frauen-Nationalteam eine junge Kraft auf der Weltbühne. Erst 2007 bestritt das Team sein WM-Debüt und erreichte als Höhepunkt das Achtelfinale 2019 in Frankreich. Die damalige Turnierleitung unter anderem durch die deutsche Schiedsrichterin Riem Hussein – sie leitete das Spiel gegen Argentinien – erscheint im Rückblick in einem deutlich besseren Licht.
Die FIFA wird ihre endgültige Entscheidung über den schottischen Protest voraussichtlich innerhalb der kommenden 48 Stunden bekanntgeben. Unabhängig vom Ausgang dieser Prüfung muss Schottland den Fokus schnellstmöglich auf die sportliche Bewältigung dieser Rückschläge lenken. Die Atmosphäre in der Kabine beschrieben Medienvertreter als „gedämpft, aber entschlossen“ – eine Haltung, die das Team in den verbleibenden Spielen dringend benötigen wird.
Sollte Schottland die Gruppenphase überstehen, könnte im Achtelfinale ein Duell mit dem Ersten oder Zweiten der Gruppe F warten – möglicherweise gegen Teams mit deutschsprachigem Einfluss wie die Schweiz, Spanien oder Brasilien. Die雪花 hat sich jedoch vorzeitig verschoben: Zunächst gilt es, die Kritik an den Unparteiischen beiseitezulegen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Im Fußball entscheiden letztlich Tore über den Erfolg – und die wollte Schottland in Boston definitiv mehr als ein einziges Mal erzielen.