Dichter konnte es nicht sein. Um exakt 0,01 Meter soll der Ball nach Berechnungen der Torlinientechnologie von der Linie entfernt gewesen sein, als Aymen Dahmen ihn im Estadio Monterrey mit einer Flugeinlage stoppte, die selbst den erfahrensten Bundesliga-Torhütern Respekt abverlangt hätte. Der tunesische Schlussmann, der beim französischen Erstligisten HSC Montpellier zwischen den Pfosten steht, lieferte damit während der Weltmeisterschaft 2026 eine Paradedistanz ab, die in die Annalen der Turniergeschichte eingehen wird.
Die Szene replayte sich in der 67. Minute des Gruppenspiels der Gruppe C zwischen Japan und Tunesien. Ein japanischer Angreifer hatte aus kürzester Distanz abgeschlossen, der Ball prallte vom Pfosten zurück und schien hinter der Linie zu liegen. Die japanischen Spieler jubelten bereits, Schiedsrichter und Assistenten zögerten – doch die Hawk-Eye-Technologie lieferte innerhalb von zwei Sekunden die endgültige Antwort: kein Tor.
Die deutsche Sportpresse reagierte mit einer Mischung aus Bewunderung und sportlicher Anteilnahme. Der Kicker titelte am folgenden Tag: „Dahmen-Rekord: Die engste Torliniendifferenz seit 2018″, während Sport Bild die Aktion als „Jahrhundertparade“ bezeichnete. In deutschen Wohnzimmern, wo Millionen Fans die Partie verfolgten, sorgte die Szene für spontane Diskussionen über die Zuverlässigkeit der Technologie.
Seit ihrer Einführung bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien hat die Torlinientechnologie weltweit für insgesamt 47 strittige Szenen bei Großturnieren eine endgültige Klärung gebracht. In der Bundesliga wurde das System zur Saison 2015/16 obligatorisch eingeführt. Seither verzeichnete die Deutsche Fußball Liga (DFL) lediglich drei Fehlentscheidungen in über 4.000 Spielen – eine Fehlerquote von 0,0007 Prozent, die selbst die kritischsten Traditionalisten überzeugt haben dürfte.
Für Tunesien, das mit einem 0:0 gegen Dänemark ins Turnier gestartet war, erwies sich Dahmens Kunststück als psychologischer Wendepunkt. Die Nordafrikaner, die bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland letztmals das Achtelfinale erreicht hatten, kämpften in Monterrey um den ersten WM-Sieg seit 1978. Die Rettungstat ihres Keepers gab der Mannschaft sichtbar neue Energie. „Ich wusste, dass der Ball sehr nah an der Linie war“, erklärte Dahmen später vor Journalisten. „Aber ich vertraue dem System. Es hat uns in diesem Moment nicht im Stich gelassen.“
Die technische Funktionsweise hinter dieser historischen Rettung verdient nähere Betrachtung. Sieben Kameras sind im Estadio Monterrey auf jede Torlinie gerichtet, erfassen 500 Bilder pro Sekunde und berechnen die exakte Position des Balls in Echtzeit. Die Schiedsrichter-Uhr am Handgelenk vibriert bei einer Überschreitung der Linie – in diesem Fall blieb sie stumm. Die Sensitivität des Systems ist derart präzise, dass selbst minimale Verformungen des Balles erfasst werden, was bei derart knappen Entscheidungen den Unterschied ausmacht.
Aus deutscher Sicht war die Partie auch wegen mehrerer Bundesliga-Akteure von Interesse. Der japanische Mittelfeldmotor Ritsu Doan, der beim VfL Wolfsburg regelmäßig überzeugt, steuerte einen Assist bei und war maßgeblich an der Entstehung der strittigen Szene beteiligt. Auf tunesischer Seite brachte Linksverteidiger Mohamed Dräger von Bundesligist FC Augsburg Stabilität in die Defensive. Diese internationalen Verflechtungen unterstreichen, wie eng die Bundesliga mit dem globalen Fußballgeschehen verwoben ist.
Die historische Dimension des Vorfalls wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die Torlinientechnologie ursprünglich als Reaktion auf den legendären „Geister-Tor“-Skandal bei der Weltmeisterschaft 2010 eingeführt wurde. Damals hatte Schiedsrichter Jorge Larrionda ein klares Tor von Frank Lampard gegen Deutschland nicht anerkannt – eine Fehlentscheidung, die England letztlich die Achtelfinal-Teilnahme kostete. Die FIFA zog daraus die Konsequenz und implementierte das System, das nun seit über einem Jahrzehnt für Fairplay und Klarheit sorgt.
Für Japan, das letztlich mit 2:1 siegte und damit die Tabellenführung in Gruppe C übernahm, bleibt die Szene ein Schicksalsschlag, der hätte gravierendere Folgen haben können. Trainer Hajime Moriyasu äußerte nach dem Spiel diplomatisches Bedauern, während die japanischen Medien die Niederlage als Beispiel für die Unerbittlichkeit moderner Technologie darstellten.
Tunesien hingegen darf weiter vom ersten WM-Gruppensieg seit 2006 träumen. Im abschließenden Gruppenspiel gegen Belgien wird Aymen Dahmen erneut im Mittelpunkt stehen – mit dem Wissen, dass er unter Beweis gestellt hat, dass selbst die beste Technologie manchmal einen menschlichen Helden braucht, um die entscheidende Aktion zu vollenden. Die Augen der Bundesliga-Scouts werden bei seinem nächsten Auftritt zweifellos noch genauer auf ihn gerichtet sein.