Der Fall Thomas Partey überschattet die WM-Vorbereitung Ghanas wie kaum ein anderer Personalstreit im globalen Fußball. Der Mittelfeldstratege soll am Dienstag in Boston beim Gruppenspiel gegen England auflaufen – trotz schwerer Vorwürfe, die er über seinen Anwalt vehement bestritten hat. Während die Football Association in London beharrlich schweigt, richtet sich der Blick der internationalen Fußballwelt auf einen Mann, der zwischen Sport und Skandal gefangen ist.
Der 31-Jährige absolvierte bislang 48 Länderspiele für Ghana und erzielte dabei zwölf Tore. Seine Vita liest sich beeindruckend: Über 200 Pflichtspiele für Udinese, Atletico Madrid und Arsenal, eine fest gesicherte Position im Zentrum des ghanaischen Spiels. Doch seit den Anschuldigungen, die britische Medien vergangene Woche publik machten, steht sein Stern im Schatten einer Untersuchung, deren Ausgang niemand vorherzusagen wagt.
Die englische Nationalmannschaft hat sich bislang bedeckt gehalten. Das Team um Trainer Gareth Southgate wird am Dienstagabend (Ortszeit) im Gillette Stadium von Foxborough antreten, doch ob besondere Protokolle bei der Begegnung mit dem Arsenal-Leihspieler eingehalten werden, bleibt offen. Ein FA-Sprecher verweist auf die Unabhängigkeit des Turniers und die Zuständigkeit der FIFA, während Ghana seinen Schlüsselspieler offiziell поддерживает.
In Deutschland verfolgen die Medien den Fall mit wachsender Aufmerksamkeit. Der Kicker und Sport Bild haben in den vergangenen Tagen ausführlich über die Situation berichtet und dabei auch die Rolle des FC Arsenal thematisiert. Der Verein soll intern über das weitere Vorgehen beraten, während Partey weiterhin am Trainingsbetrieb teilnimmt. Die Gunners, die den Mittelfeldmann für etwa 50 Millionen Euro von Atletico Madrid verpflichteten, stehen vor einem Dilemma: sportlich unverzichtbar, menschlich umstritten.
Historisch betrachtet ist der Fall partey kein Einzelfall in der jüngeren Fußballgeschichte. In der Bundesliga sorgten ähnliche Vorfälle in der Vergangenheit für kontroverse Debatten. Vereine und Verbände mussten sich positionieren, spielende Beschuldigte wurden teils suspendiert, teils weiter eingesetzt – je nach Rechtslage und sportlicher Bedeutung. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte in solchen Fragen stets einen schwierigen Spagat zwischen Rechtsvermutung und sportlicher Praxis zu bewältigen.
Parteys sportliche Bilanz spricht für sich. In seiner Zeit bei Arsenal came der Ghanaianer auf 115 Pflichtspieleinsätze und steuerte fünf Tore sowie drei Vorlagen in der Premier League bei. Seine physische Präsenz im Zentrum, seine Fähigkeit, das Spiel zu lesen und Pässe zu schneiden, machten ihn zu einem der gefragtesten Mittelfeldspieler seiner Generation. Für Ghana ist er nicht ersetzbar – ein Umstand, der die Nationalmannschaft in eine missliche Lage bringt.
Die WM-Generalprobe gegen die USA absolvierte Partey noch nicht, da er erst kürzlich zum Kader stieß. Nun steht er vor seinem ersten Länderspiel seit Bekanntwerden der Vorwürfe. Die ghanaische Delegation hat betont, dass man dem Spieler bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gewährt. Ein Balanceakt zwischen Menschenrechten und öffentlichem Druck, der beide Seiten belastet.
Die englische Presse hat die Angelegenheit aufgegriffen und fragt, ob die Three Lions einen Spieler mit einem solchen Damoklesschwert über dem Kopf als Gegner fürchten müssen – oder ob der sportliche Wert des Spiels im Vordergrund stehen sollte. Southgate, der für seine moralischen Grundsätze bekannt ist, hat sich noch nicht öffentlich geäußert.
Für Ghana beginnt mit diesem Spiel eine WM, die für den viermaligen Afrikameister eine Hypothek mit sich trägt. Der Druck auf das Team ist immens, die Erwartungen im Land enorm. Trainer Otto Addo muss entscheiden, ob er seinen wichtigsten Mittelfeldspieler von Beginn an bringt oder ihn zunächst auf der Bank lässt. Die Antwort wird weitreichende Konsequenzen haben – für beide Seiten.
Langfristig wird entscheidend sein, wie die Instanzen mit dem Fall umgehen. Sollte es zu einer Anklage kommen, wäre Parteys Karriere vermutlich beendet, zumindest in England. Solange die Ermittlungen laufen, bleibt er in einer Grauzone, die weder ihm noch seinen Vereinen Sicherheit bietet. Der Fußball, so scheint es, steht vor einer Frage, die sich nicht mit Statistiken oder Taktikbegriffen beantworten lässt.